Sind wir nicht alle ein bisschen „Bluna“? (Multipel)

Sind wir nicht alle ein bisschen “Bluna“?

Häufig gibt es Missverständnisse zwischen der Normalbevölkerung und uns.
Meistens verstehen die Menschen nicht, was das bedeutet „Multipel“ zu sein, „Viele“ zu sein, eine Dissoziative Identitätsstörung zu haben.
Der letzte Begriff ist zwar vielleicht treffend aber so sperrig, ich bleibe da lieber bei Multi oder Viele-Sein. Das tippt sich auch schneller ;-)

Viele Menschen, mit denen ich so konfrontiert wurde, stellten die gleiche Frage oder Aussage in den Raum: Ja aber das habe ich doch auch! Wir sind doch alle ein bisschen multipel!
Und ich kann nur vehement widersprechen. Wir sind nicht alle multipel.
Und wenn, wären wir alle schwer traumatisiert.
Denn das ist die Grundlage auf der sich so etwas bildet.

Die Faszination von Menschen dem gegenüber kann ich verstehen.
Ja, ich bin selbst immer wieder fasziniert davon, was so ein Gehirn alles leisten kann und die Psyche zum Schutz aufbaut.
Aber man darf die Hintergründe nicht vergessen. Und das bedeutet für eine Kinderseele viel Schmerz. Qual, Folter, Missbrauch, Vernachlässigung und so weiter.
Denn nur massive Gewalt, alles, das eine Kinderseele nicht ertragen kann, bringt den psychischen Schutzmechanismus zu Tage – Abspaltung.
Die Seele spaltet sich auf um zu überleben! Ein Kind, das nicht dissoziieren kann, könnte dabei sterben.
Man sieht hier schon, nein wir sind nicht alle multipel.

Wir geben nicht einfach irgendwelchen Teilen/ Rollen, die tatsächlich jeder Mensch hat, einfach mal einen Namen weil es so toll ist.
Ja, jeder Mensch lebt gewisse Rollen in seinem Leben und wird nie mit dem Chef genauso sprechen wie mit (s)einem Kind, wird sich nie im Büro so geben, wie in der Disco.

Aber es ist nichts, womit das Leben leichter wird, cooler, einfacher weil man immer einem anderen Anteil die „Schuld“ zuschieben kann. A la „ich war das nicht“. Trallala. Denn selbst wenn … sagen wir -ich- die jetzt hier schreibt, einen Diebstahl im Laden begeht, komme ich mit „ich war das nicht“ auch nicht durch. Verantwortung. Systemverantwortung. Ja die muss sein.

Es ist nicht cool, wir springen nicht den ganzen Tag wie die spielenden Kinder durch die Welt.
Im Gegenteil: Multipel zu sein bedeutet sehr sehr viel Schmerz und selbst wenn das ein Schutzmechanismus ist um alles bedrohliche voneinander zu trennen, ist es dennoch SCHMERZ.
Man kann kaum durch die Tür gehen oder den TV anschalten oder ein Buch lesen, ohne das irgendetwas getriggert (= ausgelöst) wird, an Erinnerung und selbst wenn die Fitzel, die dann kommen, bruchstückhaft, unzusammenhängend sind, ist es schwer zu ertragen.
Mag sein, dass „nur“ Angst kommt, Panikattacken, etwas im Kopf beginnt zu weinen, zu schreien, Chaos, die Bilder der Realität überlagert werden von der Vergangenheit, Flashbacks, Blackouts… das heißt man verpasst Zeit…
Zeit in der ein andere Anteil übernimmt und man eine Zeitspanne nicht mitbekommt. Man beamt sich durch Zeit und Raum und ist eigentlich ständig verwirrt.
Man kann sich kaum selbst trauen. Habe ich das nur gedacht? Oder habe ich es getan?
Gerade noch hier, jetzt schon mitten in der Einkaufsmeile. Im „Bestfall“ mit bereits geshoppten Tüten in der Hand. Nicht wissend, was sich darin befindet. Das sind noch die besseren Varianten. Aus einem Blackout aufzutauchen und festzustellen, dass jemand den Körper verletzt hat, ist da schon weniger schön.
Niemand kann das ermessen, der es nicht selbst erlebt. Niemand kann sich vorstellen, wie schwer es ist durch jeden einzelnen Tag zu kommen mit einer Fülle an Symptomen und Folgen.
Wie viel Kraft es kostet zu Überleben und wie viel mehr Kraft es kostet zu versuchen zu leben und sich gegen die alten Überzeugungen zu stemmen die z.B. besagten „Gutes gibt es nicht für dich, Gutes ist schlecht“.

Nein, wir sind nicht alle Multipel, nur weil Normalmenschen auch in sich nicht immer einig sind. Ambivalent sind oder auch ihre eigenen Dämonen haben, die sie beeinflussen.
Denn eure Dämonen, liebe „Normalmenschen“, übernehmen nicht ungefragt und zum Teil unkontrollierbar die Kontrolle über euren Körper um ihre Bedürfnisse durchzusetzen! Nicht wahr?

Aber es ist am Ende immer das gleiche. Jeder, der ein psychisches Problem hat, sieht gezwungen, sich irgendwie zu rechtfertigen. Sei es auf der Arbeit oder mit Freunden. Depression? Ach ich hab auch so meine düsteren Tage. Panikattacken? Ach ja? Wovor denn?
Das Verständnis geht nicht immer weit und ich bin oft genug geneigt, mich stundenlang zu rechtfertigen und zu erklären. Irgendetwas in mir springt gerne drauf an. Aber irgendwann platzt auch mir (bzw. jemandem von uns) der Kragen und dann ist Schluss.

Multipel zu sein bedeutet für mich auch den Geräuschpegel einer gefüllten Bahnhofsvorhalle im Kopf zu haben. Irgendwo quatscht immer jemand. Manchmal themenbezogen aufs Außen, manchmal nicht. Hier und dort weint jemand, streiten sich welche, mich quatscht jemand von der Seite an, innerlich, gibt Kommentare ab die lustig sein können aber nicht zwangsläufig müssen. Man wird sich eigentlich nie einig und bei manchen Themen muss sich schlicht jemand durchsetzten.
Denn würden wir auf eine Einigung warten, würden wir wohl nicht mal eine Mahlzeit einnehmen können.
Multipel zu sein kann auch heißen, dass es bunt ist, lebendig. Das schätzt auch unser Mann an uns. Viele Interessen.
Aber es ist eben nicht immer einfach und nicht vorhersehbar oder planbar.
Ich kann nicht einfach immer die passende Persönlichkeit für die richtige Umgebung auswählen und dann hervorzaubern und alles klappt prima.
Wir sind ja hier nicht bei „Wünsch dir was“ und das Leben ist auch kein Ponylecken. :-)

Auch wenn es oft so ist, dass die Anfrage der Umgebung als Reiz schon vieles regeln kann, kann das aber eben auch ins Auge gehen. Ist beim Einkauf dann keine der Alltagspersönlichkeiten greifbar wird es verpeilt und schwierig.
Weil wir dann eben nicht mehr wissen, was wir brauchen und die Kinder den Wagen am liebsten nur mit Schokolade vollpacken würden.
Es kann auch sein, dass man einen gemütlichen Abend plant aber das innere Chaos sich als Panik nach Außen bahnt und man nicht mal mehr angefasst werden kann oder will.

Wir sind ein großes System und switchen viel. Im Alltagssystem sind wir mittlerweile teils Co_Bewusst. Was bedeutet, dass man untereinander viel mitbekommt, wer was wann tut oder sagt. Unter Stress funktioniert das aber schon viel weniger.
Das heißt aber trotzdem noch nicht, dass wir die Gefühle teilen würden. Es ist eher so, dass man so teilweise auf den Beifahrersitz oder in den Fond des Wagens verschoben wird und nicht eingreifen kann, bei dem, was da passiert.
Oder es entsteht eine Art Gerangel.
Oder man kann sich auch bitten Je gleichmäßiger unsere Tage verlaufen, je weniger Stress wir haben oder Triggern ausgesetzt sind, umso besser geht es. Verständlicherweise hat man da nicht immer so den Einfluss drauf.

Es ist nicht leicht so zu leben.

Und die Hintergründe sind und bleiben brutal.

Das wolltest du gar nicht wissen?

Ach entschuldige.

Du hast gefragt.

 

a/part

 

Gut beschrieben haben das auch:

https://sofiesvielewelten.wordpress.com/2015/06/24/ja-was-denn-nun-inneres-kind-anteile-ego-states-oder-multiple-personlichkeit-mit-innenpersonen/

und

https://geteilteansichten.wordpress.com/sind-wir-nicht-alle-viele/

 

Liebe Grüße zu euch hinüber.

 

3 Kommentare zu „Sind wir nicht alle ein bisschen „Bluna“? (Multipel)

  1. Grüß Dich – habe Dich grad neu entdeckt und gesehen, dass Du mich auch schon liest ;-)
    Zu dem Beitrag hier „sind wir nicht alle ein bisschen Bluna“ . Ich habe dazu auch schon mal in meinem Blog einen Beitrag geschrieben, fast identisch….ja es nervt. Deshalb erzähl ich auch fast keinem mehr von meiner Diagnose.
    Alles Liebe für Dich und freu mich, dass ich Dich gefunden habe!
    Melinas

    Gefällt 1 Person

  2. o ich mag so gern wie klar und deutlich eure texte oft sind. schonungslos ehrlich. das tut mir sehr gut zu lesen! seitdem ich die diagnose habe, habe ich diesen satz schon sooo oft gehört, weil nicht verstanden wird, was der unterschied ist zwischen eigenständig handelnden und denkenden personen und verschiedenen zuständen, die eine person im laufe des tages so einnehmen kann….

    ich denke grad immer mehr an den sozialen aspekt der dis.

    uns wurde schon gesagt, wie behindert wir aussehen, wenn wer kleines da ist. SOWAS kriegen eben nicht ALLE gesagt. es erfahren eben nicht alle dieselben einschränkungen und auch die diskriminierung, die mit der dis einhergeht – ob nun von außen oder innen oder wieauchimmer.

    grad die diskriminierung, stigmatisierung und ausgrenzung, dass wir nirgendwo so richtig passen, darunter leiden wir grade sehr. jemand von uns hatte neulich einen beitrag zu maskenpflicht auf eurem blog gelesen und wie viele hürden das für euch aufmacht. das hat der person so gut getan! auch das ist eine auswirkung von der gewalt – diese ganzen gesellschaftlichen ausschlüsse, die, wenn das jetzt auch noch ärzt*innen anfangen – immer lebensbedrohlicher werden. den text hab ich jetzt leider nicht mehr gefunden. aber ich bin auch grad etwas döselig. wir leiden jedenfalls grad sehr darunter, dass ausnahmen von der maskenpflicht nicht überall akzeptiert werden und konnten, weil wir keine maske tragen können, nicht zur zahnärztin rein (obwohl die uns ja eh nicht mit maske hätte behandeln können und das wartezimmer leer war).

    mensch, ich merk grad, zu all dem könnte ich auch mehrere blogeinträge schreiben ;)

    tut jedenfalls gut, ab und an so texte zu lesen, die es so ausdrücken, wie es ist. ohne schön zu reden (das muss ich immer noch sehr lernen, dass ich das nicht mache, weil mir das so antrainiert wurde, nichts als so schlimm zu benennen wie es ist. da hab ich schon was von euch gelernt).

    danke danke dafür!

    Gefällt 1 Person

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