Im Galopp durch die Kacke

So.
Ich nehme Bezug auf die „Kakerlake auf Pizza“ einen Beitrag zuvor und setze ihn als gelesen voraus.
Nach gefühlt einem halben Jahr, das in Wahrheit wohl etwas um die sechs Wochen, vielleicht auch mehr sind,
die wir nicht schreiben konnten, was hier eigentlich los ist, sind wir nun an einem Punkt, an dem wir es können.
Und wollen. Und müssen.
Und zwar im Galopp durch die Kacke.
Es spritzt, es wird übel. Aber so soll es jetzt sein.

Alles andere ergibt keinen Sinn mehr.
Unser Beitrag erscheint jetzt mehr oder minder zeitgleich mit dem auf einem anderen Blog, aus der jeweils anderen Perspektive. Ich verlinke jetzt nicht, weil es den Lesefluss stört.
Wir haben uns gemeinsam dazu entschieden offen damit umzugehen.

Es gibt seit Wochen hier mehrere Faktoren, die riiichtig „blas mir mal das Hirn (und den Körper gleich mit) weg“ sind.
Über einen davon kann ich nun schreiben.
Das, was uns konstant nun seit Wochen beschäftigt:

Wie ihr wisst, machen wir seit Monaten Videos auf YT. Wir sind sichtbar geworden. Er.leb.bar.
Und es passierte das, was wir immer gefürchtet haben. Seit langer Zeit eine unserer größten Befürchtungen war:
“Was ist, wenn uns jemand erkennt?“
Aber es war ein bisschen anders als befürchtet….

Man kam ins private Gespräch/ schriftlich mit dem System myokard.
Eigentlich erstmal einfach so, wobei sich herausstellte, dass es denen schon darum ging, Kontakt zu uns herzustellen…weil….tja offene Fragen und so.
Jede Menge Rumgedruckse: „Ähm was ist wenn, wenn wir etwas aussprechen“, fragten sie.
Na dann mal raus damit, sagten wir, die im Alltag dank diverser Forenerfahrungen doch recht triggerfest sind, nicht ahnend, um was es nun gehen sollte.

Was dann kam… haut uns buchstäblich um.

Und ich sage es vorweg: Es geht jetzt nicht um die 100% Feststellung. Es geht nicht darum, nun zu sagen „war so“, ganz sicher, klar.
Ich meine man ist dissoziiert. Wann ist jemals irgendetwas wirklich „klar“?
Das mal ganz dringend vorweg. Wir versuchen Beide-Viele, uns nicht in etwas zu verrennen, reflektiert zu bleiben.
Aber Wahrscheinlichkeiten sind Wahrscheinlichkeiten und je mehr davon zutreffen, umso un-wahrscheinlicher werden mache Dinge/ Aussagen/ Gedanken wie: „nie im Leben“

Oh jeh ich tanze um den heißen Brei. Sorry. Ich merke es selbst. Ich weiß aber noch immer nicht, wie man das alles in adäquate, alles abdeckende Worte fassen soll.

Jedenfalls scheint es so zu sein, dass wir uns aus unserem Traumakontext kennen (könnten). Es gibt verdammt viele Parallelen. Zeit, Ort, Gelegenheit, Personen, Namen….
Was als vage Vermutung begann, endete bei uns etwas expliziter mit dem fast explosionsartigen Sichtbar-Werden einer Innenperson von uns (nennen wir sie mal hier Nina), die einen ellenlangen Text verfasste. Zu meiner (Mokey) Bestürzung mit mir im vollen Beobachtermodus.
Kein Ausfall, kein Blackout kein Nix. Ich bin massiv von den Socken.

Der Inhalt? Einfach nur krass. Was da an Wissen auftaucht, an Beschreibungen.
Mit ihr zusammen kommt das starke Gefühl von großer Vertrautheit zu myokard. Und das ist noch sehr tief gestapelt
Und so ein Gefühl hatten wir noch nie. Klar, manche Systeme mag man, hat man auch wirklich wirklich gern. Schon nur beim Lesen, ohne sich noch näher zu kennen. Aber diese Vertrautheit ist ganz anders.
Nina möchte, dass wir das schreiben:. Weil es für sie ist, als würde sie diesen Menschen, dieses System, lieben wie ihr eigenes Kind.
Klingt voll pathetisch. Ich weiß. Soll aber hier stehen, weil es genau das Gefühl ist. Und in die Geschichte passt, die sie aufgeschrieben hat.
Seit wir myokard am Telefon hatten, seitdem wir ein Video sahen, indem die Bewegungsmuster klar wurden, wir als gesichtsblinde Personen können uns null an Fotos orientieren, kam die Vertrautheit, das Bekannte, das Gefühl, das vorher etwas war wie…das könnte ….Deadname sein.
Und sehr sehr viele Tränen mit dem Gefühl „Da sind sie! Ich habe eines „meiner“ Kinder gefunden, eines der Kinder, das ich retten wollte.

Und natürlich muss das nicht so sein, natürlich kann man sich irren. Klar. Das muss gesagt sein

Und mit Nina, besagter Innie, kam eben auch einiges an Zusammenhängen auf, mit denen unser ganzes Sein und Agieren in der Welt mitsamt Blog und YT einen Sinn ergibt. Plötzlich so logisch, so klar.

Denn wir waren, wenn das alles so stimmen sollte, älter als myokard damals.
Und damit kam wohl ein massiver Drang / Wunsch zustande, die Jüngeren in bzw. aus diesem Traumakontext retten zu wollen – aber nicht zu können – denn wir waren ja selbst nicht frei/willig dort. Aber das zu erkennen…da fehlt es noch dran…
Und dadurch erkennen wir gerade, warum wir immer seit unserer Bewusst-Werdung der DIS den Drang hatten, etwas zu tun, das anderen hilft. Foren für Betroffene zu bauen, zu bloggen, jetzt zu Youtuben. Warum das Bloggen als einzige Dokumentation/ Tagebuch überhaupt funktioniert.
Wir wussten schon, dass das damit zu tun haben musste, dass wir das nicht für uns alleine irgendwo hin schreiben –
Aber es geht offenbar viel mehr darum, zu helfen. Es ist nicht für uns.
Es ist böse gesagt so ein „Helferkomplex“. Das Wort hat immer so einen fiesen Beigeschmack aber es ergibt nun totalen Sinn.
Und mir wird klar, vieles von dem, was wir tun, hat damit zu tun. Zu helfen, Wiedergutmachung zu leisten, stellvertretend.

Das Sichtbar-Werden von Nina hat hier natürlich alles durcheinander gewirbelt.
Die gesamte Körpersymptomatik, die wir im letzten Beitrag schon geschrieben haben, fluktuiert munter weiter.
Ich kann schon gar nicht mehr in Worte fassen, was hier drin im permanenten Wechsel abgeht. Von „Tralala…alles nicht wahr…ja, erzähl denen noch ein bisschen mehr, dann können sie uns endlich als Fake entlarven.“
Bis hin zu „Ich muss zu dem speziellen hoch gelegenen Ort und von dort das Fliegen lernen“ (*öhm ja. das war jetzt denke ich passend ausgedrückt.)
Ansonsten noch: Viel viele Schuldgefühle, Abwertungen, die Hoffnung schon fast, dass uns deswegen die Thera nun rauswirft (tut sie nicht…. why???), die Angst, dass uns die Thera deswegen rauswirft.
Einfach so voll zu sein mit Schuldgefühlen, weil….tja keine Ahnung…. Nina nichts getan hat, um Dinge zu verhindern.

Was Nina hier aufschrieb hatte diverse Namen parat von den jüngeren „Teilnehmern“ *hust in Ermangelung eines besseren Wortes….die sie gerne gerettet hätte. Und darunter befanden sich auch der Deadname plus Innienamen von Myokard.
Zufall? Hmmmm
Ja es gibt Zufälle, aber wenn sie im Rudel kommen und dich wie eine Büffelherde überrennen…wird es….merkwürdig.
Sagen wir es mal so.
Aber was stellt man damit jetzt an?
In der Realität erstmal gar nichts.
Wie gesagt: Eine 100% gibt es nicht, wenn beide Systeme sind und dissoziieren und nur Bruchstücke der Geschichten kennen. Das, was da ist, gleicht sich schon sehr. Okay.
Man wird es sehen. Auf sich zukommen lassen. Was mit der Zeit noch kommt und was nicht.
Und was wir dann tun.

Nina ist mir (Mokey) manchmal sehr nah. Näher noch als andere von uns, die ich auch gut kenne.
Somalia zum Beispiel kenne ich sehr sehr gut, wir können uns bewusst abwechseln. Aber dennoch empfinde ich nie ihre Wut mit sondern schaue sie mir nur an. Das macht es umso krasser, dass ich aber Nina spüren kann, obwohl sie für mich so neu ist.
Und ich weiß nicht, ob mir das so lieb ist.

Aber deswegen, weil ich das kann, weiß ich, dass ich sie nicht verurteilen kann für das, was sie getan und nicht getan hat.
Sie tut es, sich verurteilen meine ich. Andere Innies von uns tun es. Aber die verurteilen uns schon fürs Atmen.

Es ist nicht leicht.
Es ist möglicherweise das erste Mal, dass es eine Art von Bestätigung von Außen für uns gibt. Wenn es denn wirklich so so wäre. Das macht Angst und lässt alles sehr irreal werden.
Wir brechen ebenfalls hier gerade jeden Tag so ziemlich alles an Redeverboten, die es so gibt. Das macht es nicht gerade einfacher. Aber Nina steht hier und sagt „Ich will jetzt das Richtige tun“.

Was aber eben auch heißt, dass der Körper abkackt, Lähmungen produziert. Mehr als sonst. So richtig, dass es einem die komplette (bevorzugt die rechte) Seite wegknallt. Oder auch mal das Ohr komplett taub ist.
Und, dass wir unendlich viele Flashbacks haben und uns da durchzappen, wie durch ein schlechtes Fernsehprogramm zur PrimeTimeHorrorNight.
Und echt richtig richtig fertig sind.

Eines muss gesagt werden:
Für uns war immer klar, dass wenn und falls wir etwas entdecken, erinnern, dass auf uns als Täter hinweist, wir uns selbst anzeigen würden. Und dazu stehen wir weiterhin.
Im Moment ist es ja so, dass es eher darum geht, was wir nicht getan haben – was Nina aber hätte tun wollen…
Aber auch das ist eigentlich für uns gefühlt schon viel zu viel.
Und noch sind da zu viele Brüche drin, zu viel, das auf Gefühl beruht. Damit nimmt uns ohnehin niemand ernst.

Also abwarten.


So ist es erstmal wie es ist.
Und wir müssen damit irgendwie umgehen.
Nur wie wissen wir noch nicht. Und innerlich einig sind wir uns damit auch nicht. Hahah das wäre ja auch mal was ganz neues.


Link zu myokard







17 Kommentare zu „Im Galopp durch die Kacke

  1. Wir hadern bereits seit gestern mit Worten dafür…haben auch noch immer keine passenden gefunden. Daher wollten wir einfach nur sagen, dass wir euch und auch myokard gelesen haben und nachvollziehen können, dass das heftige Gefühle und Gedanken etc auslöst…

    Gefällt 4 Personen

  2. Lese immer wieder mal bei euch und hab jetzt grad gedacht: krass . . . und : . . . kein wunder, dass ihr in permanenter innerer aufruhr seid!

    Zweifeln und Glauben – ich glaube an die klarheit, die ihr in eurem erleben beschreibt.
    Diese Klarheit ist anders als all das andere, das man als möglich/ womöglich so gewesen erstmal so für sich stehenlässt.
    Es liest sich zumindest für mich so wie die Erkenntnis, die plötzlich als (überwältigende) klarheit im raum steht mit dem gefühl dazu, als sei das schon immer so klar und nie anders gewesen, anders als diese dinge, über man immer wieder grübelt, wie sie zusammenpassen könnten.

    Zumindest gab es hier schon Momente der plötzlichen Klarheit und des Erkennens von Zusammenhängen, nur ist des bei uns anders, dass es uns nicht so wichtig ist, jemand im Aussen davon zu überzeugen, uns ist wichtig dabei, uns UNSERER Wahrheit anzunähern, und wir uns nicht ewig für unsere „Macken“ schlechtmachen, sondern uns mit unserer Geschichte annehmen.

    Aber wir haben leicht schreiben, denn bei uns gibt es den rituellen Kontext der Traumatisierungen nicht.

    Und darum finden wir stark, wie ihr damit umgeht und wie gut ihr alles, was euch um die Ohren fliegt im Moment, im eurem Text reflektiert beschreibt.

    Viel Kraft für die inneren Auseinandersetzungen !

    Gefällt 3 Personen

  3. Das ist .. krass! Ich wünsche mir für euch beide, dass diese Erkenntnisse, egal, ob sie jetzt wirklich bedeuten, dass ihr euch kennt oder nur sehr Ähnliches durchleben musstet, euch langfristig helfen können und ihr euch gegenseitig Halt geben könnt :)

    Gefällt 4 Personen

  4. Das ist krass! Wir drehen ja schon ab, wenn wir im Fachbüuch Dinge lesen, die so sehr auf uns zutreffen, dass man erkennt, das man echt DIS hat und der Mist passiert sein muss. Nur ist diese Erkenntnis schon kurze Zeit später kaum da, man dissotziert es weg, weil kann ja gar nicht sein…
    Aber wenn man wen trifft… So etwas ist so ein klarer Beweis – es ist so logisch, dass das völlig umhaut und man minütlich wechselt und nicht klar denken kann.
    Ich möchte euch aber was wichtiges sagen:
    Was auch passiert ist – dass ihr (Nina) myokard nicht retten konntet, das bedeutet nicht ihr seid böse oder selbst Täter! In diesem Kontext da kann man oft nicht tun, was man unter normalen Umständen sofort tun wollen würde. Und ihr wisst das im Prinzip auch selbst ganz genau.
    Wir haben mindestens ein Kind, dass anderen Kindern weh tun musste – ohne dass sie selbst wusste was sie da eigentlich tut, oder was Schmerz wirklich bedeutet. Sie ist ein kleines, manipuliertes Kind, dass keineswegs etwas von Recht und Unrecht einordnen kann. Ihr wisst was ich meine, da bin ich mir sicher.
    Ich finde nicht, dass diese kleine eine Täterin ist, auch wenn sie es für die anderen Kinder in dem Moment war. Sie ist genauso ein Opfer nur weiß sie es nicht mal. Aber es ist ja ihr eigener Körper, dass Folter überstanden hat und durch jene zu dem „Täter sein“ gezwungen wurde.
    Wenn Nina nicht helfen konnte, obwohl sie so gern würde, dann nur, weil es nicht möglich war.

    (Im Bezug zum neusten Beitrag: Für uns gibt es echt gar kein sich von euch abzuwenden. Ganz im Gegenteil, es zeigt uns wie real ihr seid und wie echt alles ist was ihr schreibt. Woran ich ohnehin nie gezweifelt habe.)
    Wir haben euch sehr lieb ♥️

    Gefällt 1 Person

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