Wie erinnerst du dich?

Die liebe Birke fragte letztens „Wie erinnert ihr euch“.

Da haben wir mal drüber nachgedacht unddas hier kommt dabei heraus:
Das ist auch so ein verwirrendes „ich“.
Denn wir reagieren auf das Außen. Wir switschen auf innere und äußere Auslöser. Aber wir sind so auf Funktionieren getrimmt, dass es dann (oft) passt.
So erzählt es aus „ich“ heraus über… zum Beispiel Urlaube, wenn es zum Thema wird. Und dann hört man sich erzählen von „ich war mal in Norwegen und es war der schlimmste Urlaub….“ Ich bin dabei, ich höre mich das erzählen, aber habe keinen Bezug dazu. Und trotzdem wird es als „ich“ präsentiert.
So wirkt kohärent, was sich nicht kohärent anfühlt.

Denn es gibt einen gravierenden (gefühlten) Unterschied ob man etwas als Einzelperson selbst erlebt hat oder ob es sozusagen „second hand“ durch einen durchläuft.
Ob ich persönlich durch den Regen gelaufen bin und den Regen gespürt habe, wie er an meinem Körper herunterläuft und Tropfen auf meinem Kopf aufplatzen, oder ob ich quasi entweder nur im Hintergrund dabei war oder auch nur durch einen Erinnerungsspeicher dadurch weiß und das Körpergefühl und andere Emotionen (Ihgitt oder Oh toll!) dazu nicht abrufen kann.

An früher erinnern wir uns häufig nur durch Intrusionen oder Flashbacks.

Besonders interessant finde ich selbst unseren DIA-Bild-Speicher.
Wir haben ganz offensichtlich jemanden, der nach Außen orientiert ist und vieles als Bildsequenz speichert.
So ein Beispiel: Mein Mann fragt „Wo ist der Schraubendreher?“
Ich weiß es nicht. Aber ein Bild in meinem Kopf taucht auf, wo das Teil zuletzt gesehen wurde. Offensichtlich egal, wer es gesehen hat. Das Bild kann ich benutzen, um das Gesuchte zu holen. Holen wohlgemerkt. Denn verbalisieren kann ich das Bild (meistens) nicht. Ich kann also nicht meinem Mann erklären, wo es ist sondern muss selbst hingehen und es holen.
Und so funktioniert der Bildspeicher an allen möglichen und unmöglichen Ecken.
Schlecht ist, wenn das Bild alt ist. Dann lässt sich das Gesuchte nicht finden weil wir vielleicht nicht mal mehr in der Wohnung leben, die das Bild zeigt. Oder es passt nicht zusammen. Es ist nicht perfekt.
So sind diese Kopfbilder unsere Orientierung. Egal wer wann was sucht oder nicht mehr weiter weiß, es wird damit geholfen. Es ist Teil unserer Funktionalität.

Aber es ist eben auch total schwer, das zu beschreiben.

So, wie mit dem Regen. Ich kann die Bilder sehen und wissen, jemand von uns lief durch strömenden Sommerregen. Und so kann ich davon erzählen. Zack zack zack. Bild, Bild, Bild. Kein Video. Zusammengesetzte Sequenzen.
So, wie man sich „erinnert“ wenn man ein Foto von etwas kennt, aber sich sonst selbst nicht daran erinnern kann.
Und ich glaube, das kennen wir alle. Fotoalben von früher. Bilder, die man nutzt, um eine Erinnerung zu generieren ohne sich wirklich zu erinnern.
Wobei mir jetzt gerade auffällt: Warum kann ich Suchbilder nicht verbalisieren, Erlebnisbilder aber schon? *kopfkratz

So ein Gehirn ist schon merkwürdig, oder?

Noch näher ist uns gehörtes:

Am 15. Mai im Dschungel von Nümpelz in der Hitze des Tages, in der Kühle des Tümpels….planschte er. Und genoss, was der Dschungel ihm bot…da hörte Horton einen leisen Schrei in der Not. (Horton hört ein Hu)

Gehörtes. Wir haben auch hier einen Erinnerungsspeicher der wortwörtlich abrufen kann, was gesagt wurde.
So können wir hunderte von Songtexten, zig Filmteile, die wörtlich hängen bleiben, bzw. in diesen Speicher reinlaufen. Und so von einem Großteil des Alltagsteams abgerufen werden kann.
Manchmal auch aus Gesprächen mit Therapeuten. Die dann am Ende dann behaupten SO hätten sie das nie gesagt. Und schon gaaar nicht gemeint. Während wir es hundertprozentig wissen.
Warum sagen Therapeuten, was sie nicht meinen? Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Letztendlich geben uns beide Speicher aber auch Rätsel auf.
Wenn diese Dinge täterseits angelegt und auch benutzt wurden, (darauf gibt es ja neuerdings Hinweise) warum geben sie uns keine Hinweise auf das, was vielleicht Heute noch Gefahr darstellt oder Antworten auf so viele Fragen, auf das, was geschehen ist?
Wem sind diese Speicher loyal ergeben? Helfen sie uns nur unter den Bedingungen, nicht aufzufallen durch massive Erinnerungslücken? Und unterstehen sie ansonsten vielleicht sogar immernoch anderen Befehlen?
Aber das sind wieder Fragen für andere Themen und derzeit eh nur spekulativ.

Wie ist das bei euch so, liebe Viele-Menschen?
Habt ihr auch gemeinsame Erinnerungsspeicher?

Oder bin ich hier damit mal wieder der Freak? 😬

Gespannt auf eure Antworten. Liebe Grüße

A/part

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3 Kommentare zu „Wie erinnerst du dich?

  1. Hallo , eine sehr interessante Frage, und irgendwie gibt es bei uns unterschiedliche Versionen von antworten…wir aus dem Alltags Team können uns an Gespräche bei Ämtern etc erinnern, wissen über was geredet wurde, bei Inhalten von Büchern ist es was anderes, wir wissen das sie im Regal stehen, die Inhalte können aber von anderen lückenlos wieder gegeben werden, bei Musik Texten ist es ähnlich… Bei Gesprächen mit freunden oder aussen Menschen sind wie oft über fordert und geben an andere ab, wissen auch selten was dann geredet wird…wissen über trauma Inhalte sehen wir auch nur über Flashbacks oder Intrusionen, manches hören wir im innen wie als ob jemand eine Geschichte erzählt oder vorliest…LG von uns sam und co

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  2. Hi… oh das sind ja spannende Gedanken… ein Bild-Speicher und ein Hör-Speicher… das beobachte ich hier auch mal… mir wurde auch mal gesagt, ich würde Sätze aus Therapien ja suuuuper behalten und wirklich wörtlich wiedergeben können… dachte für mich, das liegt daran, dass dieser Satz dann genau im richtigen Moment von der richtigen Gehirnregion „gebraucht“ wurde, also gut tat, einen Sinn ergab… spannend… danke für die Gedanken

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  3. Also mir seit Jahren schon aufgefallen, dass Namen und Buch/Filmtitel für mein Gehirn ein Problem sind. Selbst wenn es der Mitbewohner meines Partners ist dessen Name schon oft genannt wurde muss ich lange kramen und im ersten Moment ist es wie ein Blackout. So geht es mir auch mit Autoren etc. Ich weiß aber dass sie Information irgendwo gespeichert ist und warte dann bis sie geteilt wird, oder eben auch nicht. Das sind immer ganz schöne Stotter und Stammelmomente… und ziemliche Frustration wenn das nicht sofort Abrufbar ist. Ich dachte immer mein Gehirn ist irgendwie kaputt oder ich zu dumm um mir Namen zu merken.

    Für Gehörtes gibt es auch einen Erinnerungsspeicher. Komischerweise besonders während starker Dissoziation in Streitsituationen, in denen ich mich nicht mehr bewegen oder antworten kann. Später kann ich dann fast wortwörtlich wiedergeben, was gesagt wurde, obwohl es während der Dissoziation so scheint als wäre ich von der Außenwelt getrennt. Einmal konnte ich sogar wiedergeben was in der Doku gesagt wurde die nebenbei lief.
    Ich bekomme dann auch immer zu hören „Das hab ich so nie gesagt/gemeint“
    Obwohl es wie eine Kassette ist, die ich im Kopf abspielen kann. Schade, dass ich das der Person nicht vorspielen kann.

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